Eine aus der Laune heraus sehr wohlwollende Sicht auf Amerikaner

Lenke mich von Hausaufgaben ab.
Heute ist auch einer dieser Tage, an denen ich in Amerika sehr glücklich bin. Nicht als Student, Aupair, whatever. Einfach so. In diesem Land.
Daher lasst mich ein paar zusammenhangslose Worte verlieren.

Ich möchte starten mit einer Liebeserklärung an die Amerikaner.
In den letzten paar Tagen habe ich so viele nette Worte bekommen, wie in meinen fast 21 Jahren auf dieser Erde nicht. Verrückt. Nicht mal große Sachen. Einfach kleine Nettigkeiten. Ich bin sowieso ein Verfechter des großen Einflusses kleiner Dinge.
Ich finde diese Art, wie hier im täglichen Leben miteinander umgegangen wird, einfach toll. Entspannend. Wenn man es in Deutschland mit einem schlecht gelaunten Verkäufer zu tun hat, wundert man sich fast nicht mehr. Tatsächlich hatte ich immer das Gefühl, ich würde den Verkäufern mindest dreimal so oft einen schönen Tag wünschen, wie sie mir. Nicht, dass die meisten darauf geantwortet hätten.
Chit Chatting mag einfach nicht tief in der deutschen Lebensart verwurzelt sein. Muss es auch nicht.
Dennoch. Ich persönlich finde es wunderbar mindestens 10 mal am Tag von gut gelaunten Menschen zu hören: „How are you today, Honey? Have a wonderful day, enjoy the weather.“ Wahlweise endet der Satz auf „Stay warm.“ Das haben wir in den letzten Monaten eindeutig häufiger gehört.
Dass es im Grunde niemanden interessiert, wie es einem geht.. das sei dahin gestellt.
Schöne Worte schaffen eine schöne Atmosphäre. Schöne Atmosphäre macht gute Laune. Kleine Dinge, Großer Einfluss und so.
Daher wecke ich die Kids auch jeden Tag mit der besten Laune, die man früh um 7 eben aufbringen kann.
„Bonjour. You know what? It’s going to be a wonderful day today.“ statt „Good morning, get up.“

Doch es sind nicht nur die Verkäufer. Die sich sowieso irgendwann dazu verpflichten mussten, immer freundlich zu sein. Es sind einfach alle. Am besten finde ich es, wenn man im Supermarkt jemanden über den Haufen rennt, weil man Unaufmerksam ist. Und als Reaktion der betroffenen Person bekommt man eine Entschuldigung. Sie hätte schließlich nicht im Weg stehen müssen. Als vorläufiger Einwohner von Amerika bringt man ein pflichtbewusstes „Oh no. I’M so sorry. It’s all my fault“ heraus.
Gefolgt von Smalltalk: „I love your scarf. Where did you get it?“, „Uhmm, Turkey. But look at your hair, I wish I had hair like this.“, „Oh, that’s all my hairdresser’s talent.“ Schönen Tag. Nett dich kennen gelernt zu haben. Schönes Leben, weil wir uns sowieso nie wiedersehen. Aber was für eine nette kleine Unterhaltung.

Lehrer. Die sind auch der Wahnsinn.
Das beginnt mit der Erreichbarkeit. Ich habe von jedem (!) meiner Professoren 1 oder 2 Mail-Adressen und die Handynummer.
Letzteres, falls wir Studenten mitten in der Nacht völlig an einer Hausaufgabe verzweifeln.
Mein Theater Professor setzt noch eins drauf. Der bleibt gerne nach der ohnehin 3h 45min Class noch ein bisschen länger, um über persönliche Interessen zu plaudern.
Vor ein paar Wochen bekam ich von ihm eine einstündige, private Stückeinführung zu Othello. Fand er super. Ich noch besser.
Ein anderer Lehrer bereicherte gestern meinen College Alltag. Meine deutschen Lehrer waren von meinem Endlos-Gequatsche und Dauer-Grinsen bestenfalls genervt.
Besagter Psych Prof unterbrach einfach die Lecture, nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu mir und meinem Nachbarn. „You guys are always having so much fun. I really want to sit with you sometimes.“
Beachte: 1. Es war sein absoluter Ernst. 2. Wir haben es hier mit einem Professor Dr. zu tun. Ganz ehrlich, so viel Humor hätte ich einem Prof. Dr. nie zugetraut.
Natürlich haben wir uns nach Unterricht entschuldigt und versichert, dass wir definitiv nicht über ihn lachen. Jedenfalls nicht im negativen Sinne. Seine Antwort: „I’m so glad to have you in my class. It’s great to see students enjoying their lectures.“ – Ob er das wirklich so sieht, oder er seinen Dr. einfach nur in Positiver Psychologie gemacht hat.. wir werden es nie erfahren. 😉

Eine Diät kann man sich in Amerika als Student übrigens auch sparen. Irgendwo auf dem Campus gibt es immer kostenloses Essen. Vor 2 Wochen gab es Hot Chocolate, Cookies und Brownies, weil es so kalt war. Zusätzlich hatte die Asia Society im Neujahrs-Fieber Tonnen an Chinese Food im Angebot. Letzte Woche gab es Donuts und Bagel, weil.. warum auch immer. Diese Woche hat sich das Math Department etwas tolles einfallen lassen. Wenn man im Math Lab lernt oder Hausaufgaben macht, kann man von Frühstück bis Abendessen alles bekommen. Inklusive Kaffee, Softdrinks, Tee. Ratet mal, wie fleißig ich heute Mathe Hausaufgaben gemacht habe.

Hausaufgaben. Jetzt plagt mich doch das schlechte Gewissen. Ich schreibe schon weit länger an diesem Post, als ich vorhatte. Und mein lieber Tennessee Williams wartet auf mich. Für die, die Theaterliteratur interessiert.. empfehlenswert. Ich bin sehr verliebt. Zumal ich in der NYPL ein tolles Buch über Psychoanalysis in Theaterstücken gefunden habe. Williams‘ Plays nehmen einen beachtlichen Teil davon ein.

Um zum Schluss zu kommen: Ich hoffe, dass alle anderen AuPairs und Deutsche in Amerika diese Offenherzigkeit und Freundlichkeit ebenso genießen können, wie ich.
Daraus gehen unzählige so wunderbare Memoiren hervor. Kleine Geschichten, kurze Begegnungen. Ich mag das sehr. In diesem Sinne..

Habt einen wundervollen, sonnigen, inspirierenden, I-don’t-know-whatever-feels-good-for-you Tag.

Juliettaaaaa.

Wenn Reisepläne platzen wie Luftballons..

Ich habe gerade zurück geschaut. Auf meine „Pläne für die USA“ vor den USA. Es fühlt sich unendlich lang vergangen an. In meinem Alltag habe ich nicht das Gefühl, weit weg zu sein. Jetzt gerade schon.
Ich hatte mir so viele Dinge vorgenommen. So viele Plätze wollte ich sehen. So viele Dinge erleben. Ich habe eine Menge Au Pairs kennen gelernt, die das hinbekommen. Au Pairs, die Geld sparen um zu Reisen. Die ihr Jahr nutzen, um viel in den USA zu sehen.
Ich mag mich damit gar nicht vergleichen. Manchmal erscheint es mir fast, als würde ich in meinen 12 Monaten in diesem Land nicht viel erreichen. Im Gegensatz zu anderen Mädels, die schon in 10 oder 20 Staaten waren und tolle Geschichten erzählen können.

Meine Passivität, was das Reisen angeht, kommt jedoch nicht von ungefähr.
Ich hatte vorgewarnt, dass sich mein Blog (sofern er von Zeit zu Zeit zum Leben erweckt wird), wahrscheinlich von anderen Au Pair Blogs unterscheidet.
Ich habe das Gefühl, meine ganze amerikanische Erfahrung gestaltet sich signifikant anders, als ich es mir vorgestellt hatte.
Denn statt Flugreisen bezahle ich College. Statt Souvenirs habe ich Schulbücher neben mir liegen. Und aus Au Pair Freundinnen aus aller Welt wurden, in einem schleichenden Prozess, hauptsächlich amerikanische Schulfreunde.

Schon in meinen ersten Wochen habe ich gemerkt, dass ’nur‘ Au Pair sein mir nicht reicht. Die Kinder geben einem das Gefühl, gebraucht zu werden, aber für meine persönliche Entwicklung war mir das nicht genug.
Mittlerweile kann ich sagen, dass ich den Associates Degree anstrebe. Dieser College Degree kostet mich meine Reisepläne. Meine Zeit. Meine Au Pair Freundinnen.

Im Großen und Ganzen ist das nicht schlecht. Aber anders.
Es fühlt sich an, als verpasse ich das Leben als Au Pair. Weil ich zu sehr College Student geworden bin.
Then again.. in den „Semesterferien“ bin ich Au Pair. Nur Au Pair. Und habe viel Zeit für Freunde, zum Reisen, zum Shoppen. Und stelle fest, dass es mir zu wenig ist. Und kann es kaum erwarten, bis der neue Term beginnt.

Im Übrigen trägt auch New York nicht sonderlich viel dazu bei, dass man unbedingt wegfahren will.
Mein ursprünglicher Geburtstags-Plan war Las Vegas. Dann Orlando. Dann New Orleans.
Und gestern, in der City, schlich sich der Gedanke ein: „Warum eigentlich wegfahren. New York ist genug. 21 und New York – das passt irgendwie.“ Das Problem ist nur.. New York passt zu allem und nichts.

Julietta.